Positionen

Die Rotwildgebiete in Baden-Württemberg haben Zukunft!

Der Rothirsch ist eine wichtige Tierart in Baden-Württemberg, die durch ein umfassendes und breit akzeptiertes Management begleitet werden muss. Ein artgerechtes, einheitliches, wissenschaftlich aktuelles und an die regionalen Verhältnisse angepasstes Rotwildmanagement ist daher der Schlüssel zu einer erfolgreichen Einbindung des Rotwildes in geeigneten Regionen unserer Kulturlandschaft.

Die Rotwildgebiete in Baden-Württemberg sind im deutschlandweiten Vergleich ein seit über 60 Jahren bewährtes Erfolgsmodell für das Rotwildwildmanagement. Kein anderes Konzept bietet derzeit mehr Potenzial für die Bewältigung der Konflikte, die rund um das Rotwild bestehen. Die Rotwildgebiete erfüllen ihren Zweck. Sie müssen beibehalten werden!

Wir lehnen eine Öffnung oder Auflösung der Rotwildgebiete grundsätzlich ab

Der Landeswaldverband Baden-Württemberg e.V. (LWV) lehnt eine Öffnung oder gar eine Abschaffung der Rotwildgebiete in Baden-Württemberg aus den folgenden Gründen grundsätzlich ab:

  • Die vorhandenen Rotwildgebiete sind erfolgreich und erfüllen ihren Zweck.
  • Es gibt aktuell kein besseres oder geeigneteres Management-Modell für Rotwild als das bereits erfolgreich im breiten Konsens praktizierte.
  • Rotwild außerhalb der Rotwildgebiete gefährdet das Jahrhundertprojekt des Waldumbaus in Richtung klimaresilienter Mischwälder.
  • Ausgehend von jahrzehntelanger und großflächiger Erfahrung im Schalenwildmanagement durch Jagd ist im Fall einer Öffnung der Rotwildgebiete zu erwarten, dass sich jagdliche Interessen Einzelner häufig im Konflikt mit den vielen anderen Interessen am Wald durchzusetzen werden.
  • Rotwild ist wildbiologisch eine Offenlandart, die gegenwärtig im Offenland Baden-Württembergs keinen geeigneten Lebensraum mehr findet.

Der Spielraum für Anpassungen ist begrenzt

Spielraum bei der Anpassung der Rotwildgebiete sieht der LWV in folgenden Bereichen:

  • Das „nominelle“ Abschussgebot für ziehende männliche Junghirsche ist hinfällig.
  • Die Ausweisung eines sechsten Gebiets im Gutsbezirk Münsingen wäre dann eine Option, wenn sich Konflikte mit lokalen Interessengruppen im Konsens lösen lassen.

Eine Arrondierung und eine Erweiterung vorhandener Gebiete sind diskussionsfähig. Dies kann ggf. auch länderübergreifend realisiert werden.

Kämpfende Rothirsche

Die Ökologie des Rotwildes und die Bedürfnisse der Menschen – Ein unübersichtliches Konfliktfeld

Prinzipiell erscheint der Wunsch nach einer Auflösung der Rotwildgebiete aus Sicht der Ökologie und aus Sicht des Rothirsches nachvollziehbar. Die sich eröffnenden Konfliktfelder sind allerdings zahlreich:

Rotwild und klimabedingter Waldumbau

Bei einer Aufweichung der Rotwildgebiete behindern das erhöhte Vorkommen der Wildart und die dadurch entstehenden Schäden den Waldumbau hin zu klimaresilienten Mischwäldern massiv. Die Waldwirtschaft steht derzeit buchstäblich vor einer Jahrhundertaufgabe. Die Waldbewirtschafter müssen auf weiten Teilen des Landes Wälder verjüngen und anpassen. Bereits das flächig vorkommende Rehwild gefährdet vielerorts diese Bemühungen. Ein zusätzliches Auftreten von Rotwild liefe den Anstrengungen vollkommen unnötig entgegen!

Rotwild und Jagd

Das Jagd- und Pachtsystem in Deutschland führt immer wieder dazu, dass sich die Interessen weniger Jagdpächter wirkungsvoll gegenüber den Interessen vieler anderer Akteure durchsetzen können. In der Folge kann es zu überhöhten Wildbeständen und Schäden an den Waldbeständen v.a. durch das Schälen der Baumrinde kommen.

Auch der Verbiss an jungen Waldpflanzen führt der künftigen Waldgeneration großen Schaden zu. Es gibt derzeit keine funktionierenden Mechanismen, die dieses nicht beabsichtigte Ungleichgewicht im Wirkungsgefüge beseitigen könnten.

Rotwild und Flächennutzung

Der Rothirsch ist primär in seinem Lebensraumanspruch eine Tierart des Offenlandes und hat dennoch im Offenland Baden-Württembergs kaum Chancen.  Stattdessen wurde der Rothirsch in die Wälder gedrängt und übt dort ökologischen Druck aus. Außerhalb von Wäldern hat sich die Lebensraumqualität für den Rothirsch seit der Festlegung der Rotwildgebiete vor mehr als 60 Jahren weiter stark verschlechtert!

Das Offenland ist überwiegend flurbereinigt und damit tierunfreundlicher geworden. Die Landschaft ist deutlich zersiedelter, wird zunehmend versiegelt, und die Flächeninanspruchnahme durch den Menschen ist stark gestiegen. Die Verkehrsdichte hat ebenfalls stark zugenommen.

Rotwild und Landwirtschaft

Offenland und Parklandschaftsflächen gehören zum berechtigten Lebensraumanspruch dieser größten baden-württembergischen Wildtiere zwingend dazu. Die Landwirtschaftsverbände stehen daher unter besonderer Mitwirkungspflicht, mehr als die Waldbesitzer. Denn die Wälder sind kein primäres artgerechtes Habitat dieser Offenlandart.

Rotwild – Spielball von Einzelinteressen

All diese Faktoren erfordern es heute mehr denn je, das Rotwild in Baden-Württemberg ganzheitlich zu betrachten. Keine Einzelperspektive, weder eine rein naturschutzfachliche noch eine landwirtschaftliche oder streng holzwirtschaftliche und erst recht nicht eine rein jagdwirtschaftlich ausgerichtete Ansicht können für sich genommen einen Mehrwert für das Rotwild bieten.

Stattdessen braucht es auch weiterhin eine ausgleichend wirkende normative Abwägung, auf welchen Flächen Rotwild leben kann. Nicht nur, um Konflikte und Waldzerstörung zu verhindern, sondern auch, um dieser Wildtierart dauerhaft einen angemessenen Lebensraum zu bieten!

Auf den Punkt gebracht – Wo besteht Spielraum für Anpassungen?

Das sogenannte nominelle „Abschussgebot“ für ziehende männliche Junghirsche außerhalb der Rotwildgebiete kann aufgehoben werden. Dieses Vorgehen unterstützt die von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) im Wildtierbericht 2018 bestätigte aktive Wanderbewegung von Rotwild zwischen den Gebieten. Die männlichen Junghirsche sollten außerhalb der Rotwildbezirke geschont werden. Gerade sie können einen Beitrag zum wichtigen genetischen Austausch zwischen den Rotwildgebieten leisten, ohne dass ein nennenswerter Aufwand entsteht.

Die Ausweisung eines zusätzlichen sechsten Rotwildgebiets ist zwar denkbar, jedoch aus unserer Sicht wegen widersprüchlicher Ansprüche und Nutzungsinteressen sehr schwierig zu realisieren. Allenfalls der „Gutsbezirk Münsingen“ käme in Betracht, wenn sich Konflikte mit lokalen Interessengruppen im Konsens lösen lassen.

Eine Arrondierung und Erweiterung der bereits vorhandenen Gebiete sind im Einzelfall diskussionsfähig. Im Falle der Rotwildgebiete Odenwald und Adelegg kann diese Arrondierung auch länderübergreifend in Richtung Hessen und Bayern geschehen.

Weitere Informationen

Unsere Pressemitteilung zu den Rotwildgebieten vom 08.04.2022.

Pressemitteilung der CDU-Landtagsfraktion „Angepasste Lebensräume und genetische Vielfalt beim Rotwild sichern“ vom 23.03.2022.

Der Wildtierbericht 2018 der FVA kann über das Wildtierportal heruntergeladen werden. Ab Seite 119 wird darin das Rotwildmanagement erläutert.

Die Position des LWV zum Herunterladen

Das Positionspapier zum Herunterladen im PDF-Format

Beitragsbild: Kämpfende Hirsche, Photo by Diana Parkhouse on Unsplash