„Wir brauchen viele kleine Schritte – aber nicht auf ausgetretenen Wegen“
Catharina Hehn-Ziegler über Umbrüche in Waldbau, Verwaltung und Forstberufen
Der Wald, dieses langsame, behäbige Ökosystem, steht an mehreren Fronten vor großen Umbrüchen. Der Klimawandel macht den Waldumbau zur Mammutaufgabe. Gleichzeitig prägen Generationenwechsel, Verwaltungsreformen und neue Wege den Arbeitsalltag der Forstleute, die diese Jahrhundertaufgabe bewältigen. Mittendrin ist Catharina Hehn-Ziegler: Die 32-Jährige ist seit Frühjahr 2025 Präsidentin des baden-württembergischen Forstvereins. Dort vernetzen sich Beschäftigte im Forst über Organisations- und Hierarchiegrenzen hinweg. Hauptberuflich arbeitet die Freiburgerin indes als Referentin für Waldarbeit und Forsttechnik im Ministerium für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat Baden-Württemberg – „einem echten Querschnittsreferat“, wie sie sagt.

Anfang Mai 2026 trafen wir uns mit Catharina Hehn-Ziegler, um mit ihr über ihre Arbeit und ihr Engagement an den Schaltstellen der vielfältigen Umbrüche im Forst zu sprechen. Dafür lud sie uns in ihren Lieblingswald ein: ein besonderes Refugium zwischen Ravenstein und Osterburken, am Ostrand des Neckar-Odenwald-Kreises. Hier zeigt sich der Wandel im Wald ganz konkret: Auf der einen Seite ein dicht bewachsener Bestand aus alten Buchen, viel Totholz und natürliche Verjüngung, mittendrin eine majestätische alte Fichte. Keine 20 Meter weiter eine Kalamitätsfläche, auf der junge Eichen in Wuchshüllen die Nachfolge von geschädigten Nadelbaumbeständen antreten. Ein wunderbares Symbolbild für ein Gespräch über Kontraste, feine Unterschiede und Zuversicht im Angesicht einer ungewissen Waldzukunft.
Inhalt:
- Werdegang & Studium: Als Kind dachte, dass ich Tierärztin werde“
- Arbeit im Querschnittsreferat: „Die Schnittstelle zwischen Politik und Fachlichkeit fand ich spannend“
- Digitale Transformation im Forst: „Wir müssen den Mut haben, Dinge auch mal zu den Akten zu legen“
- Zwischen Generationswechsel & Forstreform: „Ich wünsche mir, dass wir Verletzungen und Vorbehalte bei Seite legen können“
- Als Präsidentin des Forstvereins Baden-Württemberg: „Ich möchte die Vernetzung der Forstleute untereinander fördern“
- Ein Plädoyer für Vielfalt: „Diversität ist der Schlüssel, das wissen wir im Wald doch am besten“
- Der Forstverein im Umbruch: „Wir haben festgestellt, dass uns Forstwirtinnen und Forstwirte fehlen“
- Vereinbarkeit von Familie & Beruf: „Kolleginnen werden gefragt, wo die Kinder sind – Kollegen nicht“
- Blick in die Zukunft: „Ich wünsche mir, dass Forstleute als Fürsprecher für das langsame Ökosystem gehört werden“
„Als Kind dachte ich, dass ich Tierärztin werde“
Catharina, vielen Dank, dass du uns hier in deinen Lieblingswald in den Neckar-Odenwald-Kreis eingeladen hast. Das hier ist allerdings nicht, wie man vielleicht erwarten würde, der Wald deiner Kindheit. Wie und wo bist du aufgewachsen?
Ich bin im Freiburger Norden geboren und aufgewachsen. Freiburg ist ja diese „grüne“ Stadt, was erst mal ein Lebensgefühl ist. Egal, an was ich mich zurückerinnere: Entweder waren wir im Wald, im Streichelzoo, im Waldkindergarten oder haben Fahrradtouren gemacht. Obwohl ich in der Stadt aufgewachsen bin, war ich immer draußen. Auch mit Pferden bin ich aufgewachsen, dadurch war ich häufig im Stall. Mit zehn Jahren habe ich beschlossen, dass ich alt genug bin, um alleine auszureiten (lacht). Wohlgemerkt damals noch ohne Handy. Tiere, Natur, Jahreszeiten – das war immer Thema.
Bist du in Freiburg auf ein normales Gymnasium gegangen?
Ja, mit einem Sport- und Naturwissenschafts-Schwerpunkt. Für mich war das Naturwissenschaftliche aber schon damals entscheidend.
Hattest du damals schon im Kopf, etwas in diese Richtung zu studieren?
Eigentlich dachte ich als Kind immer, dass ich Tierärztin werde. Mit 16, 17 Jahren habe ich aber festgestellt, dass ich mein „Hobby“ ungern zum Beruf machen möchte. Leuten zu erklären, dass Schokolade kein Hundefutter ist, im Schlachthof stehen und das Leid sehen – das wollte ich bewusst nicht.
Bist du nach der Schule gleich ins Studium gegangen?
Ja, und ich habe fast den Drang, das zu rechtfertigen. In meiner Generation gehört es ja beinahe dazu, dass man erst mal ein Jahr lang reist. Aber einerseits hatte ich mein Pferd hier und die Natur – wieso sollte ich daher auf irgendeine Insel reisen? Andererseits hatte meine Familie schon länger Bande in die Niederlande, wodurch ich mein Auslandsjahr in den Ferien quasi schon in Häppchen gemacht hatte. So habe ich mir auch selbst Niederländisch beigebrach und das Leben dort kennengelernt. Vielleicht hatte ich deshalb nach der Schule nicht das Bedürfnis, noch mal unbedingt raus in die Welt zu müssen.
Stattdessen sind es die „Liberal Arts“ geworden. Wo hast du das studiert?
In Freiburg. Das Studienfach war ein Spin-Off aus der Soziologischen Fakultät am University College, damit es in Englisch angeboten werden kann. Dementsprechend war das Studium nicht in Semestern, sondern in Blöcken aufgebaut. Dadurch war es sehr kondensiert, jeweils mit einem Fokus auf spezifische Themen. Sich reinknien zu können, nur auf ein Thema fokussiert zu sein, das fand ich total cool.
Was hat dich an dem Studiengang gereizt?
Dass es sehr breit aufgestellt war. Man konnte sich selbst zusammenstellen, welche Module einen interessieren. Das hat sich nicht nach strengem Studium angefühlt, sondern nach diesem akademisch-romantischem Bild: Man studiert um des Studierens Willen. Man nimmt die Herausforderung an, sich geistig anzustrengen.
Der Name des Studiengangs wird wahrscheinlich nicht direkt allen etwas sagen. Kannst du ein bisschen etwas darüber erzählen?
Er heißt vollständig „Liberal Arts and Sciences“, also übersetzt „Freie Künste und Wissenschaften“. Die Idee kommt noch aus dem römischen Reich, wo Kunst und Wissenschaft alles war, was man nicht mit den Händen gemacht hat, sondern mit dem Kopf. Mathematik, Astronomie, Alchemie und so weiter. Nichts Handwerkliches zu machen, kein Haus zu bauen, keine Landwirtschaft zu machen, das konnten sich nur die reichen, gebildeten Familien – und vor allen Dingen auch Männer – leisten.

„Der Wald als Objekt der Gesellschaft hat es für mich ausgemacht“
Gibt es eine bestimmte Berufsrichtung, auf die dieses Studium vorbereitet?
Die Idee des Studiengangs ist, dass man ein akademisches Individuum wird, um Dinge ganzheitlich zu erfassen. Ich habe mich dann auf „Life Sciences“ spezialisiert, das ist so etwas wie Biologie. Da war ein bisschen Molekularbiologie dabei, ein bisschen Humanmedizin, ganz viel Epigenetik, Umweltwissenschaften. Ich habe also schon mit einem naturwissenschaftlichen Schwerpunkt studiert, aber parallel dazu gab es immer ganz viel Metaebene. Theory of Knowledge, Leadership and Responsibility, Fremdsprachen – das hat mich sicherlich geprägt. Aber mir hat der Sinn gefehlt, also das Objekt. Der Wald als Objekt in der Gesellschaft, das hat es dann ausgemacht.
Ein besseres Fundament für uns Forstleute kann ich mir daher fast nicht vorstellen. Auch im Hinblick auf die vielfältigen Herausforderungen, die auf uns zukommen. Geht es dir da genauso?
Ich würde das Studium jedenfalls jederzeit wieder so machen, auch wenn es mich vier Jahre „gekostet“ hat. Und ich bin mir ganz sicher, dass mein Verständnis für Problemlösungen daher kommt. Ich kann mich schnell in neue Sachverhalte eindenken und ich bin sicher, dass es das Handwerkszeug ist, was ich im ersten Studium gelernt habe. Und es ist wichtig, interdisziplinär zu denken. Vielleicht könnte man die „Liberal Arts“ nicht für vier Jahre, aber für ein Jahr vor das Forststudium schalten. Das wäre schon ein hoher Gewinn.
Als wir dich für dieses Interview nach deinem Lieblingswald gefragt haben, hast du diesen hier nahe Ravenstein ausgewählt. Was bedeutet dieser Ort für dich?
Nachdem ich für das Forst-Trainee in der Landesforstverwaltung in diese Region versetzt wurde, war das hier der erste Wald, in dem ich mich ein wenig zu Hause gefühlt habe. Das hat ganz viele Facetten, die jeden Tag ein bisschen anders sind. Aber das grundlegende Gefühl ist immer geblieben. Als ihr mich nach meinem Lieblingswald gefragt habt, dachte ich mir: Dann fahren wir genau hierher.
Gibt es neben der mentalen Verankerung auch einen fachlichen Aspekt, der dir wichtig ist?
Interessant ist, dass wir hier in einem Buchenbestand stehen – mit einer einzigen wahnsinnig beeindruckenden Fichte. Auf der Fläche gegenüber sehen wir, dass die Fichten in den letzten Jahren abgängig waren und hier gepflanzt werden musste. Was der Mikrostandort ausmacht, dass ein einzelner Baum der Art überlebt – dass wir das hier so geballt sehen, das ist einerseits die Faszination. Andererseits sind es die Wuchsformen der Buchen, die so wunderbare „Zwiesel“ und „Triesel“ haben.


Auch wenn es noch lange hin ist – irgendwann wirst du auch mal in den Ruhestand treten dürfen. was denkst du, wie dieser Wald dann aussieht, wenn du am Ende deiner Berufslaufbahn hier stehen wirst?
Spannende Frage, weil es ein Blick in die Kristallkugel ist. Und (m)eine Kristallkugel ist so trüb. Ich weiß es nicht, hoffe aber sehr, dass die alten Bäume, die den Bestand prägen, entweder selbst noch stehen. Oder dass sie zu Totholz runterbrechen, zu Nährstoffen einer neuen Generation geworden sind. Und ich hoffe auch, dass dort, wo jetzt neue Eichen gepflanzt wurden, die erste Jungdurchforstung stattgefunden hat und wir Z-Bäume sehen. Dass dort wieder ein Waldklima herrscht, wo jetzt noch eine Freifläche ist. Und dass natürlich das Plastik weg ist.
Wenn du selbst hättest entscheiden dürfen, was hierher gepflanzt wird, hättest du dich ähnlich entschieden?
Wahrscheinlich ja. Ich hätte mich wohl auch für Laubholz statt einer nächsten Generation Nadelholz entschieden. Aber in diesen Distrikt komme ich als Besucherin und nicht als Profi. Ich kenne hier keine Zahlen, Anteile, Mischungsverhältnisse. Deshalb will ich mich nicht dazu einlassen, was ich besser gewusst hätte. Das wissen die Kolleginnen und Kollegen gut, die hier zuständig sind.
Aber natürlich liegt überall im Land vor uns die Frage, wie wir die nächste Waldgeneration gestalten. Wäre es aus deiner Sicht angemessen, hier noch mit anderen Baumarten zu experimentieren?
Ja, sicherlich. Mein Idealbild wäre natürlich, nicht nur eine Baumart zu haben, sondern viele verschiedene. Ich sehe Ahorn auf der Fläche, auch Nadelholz ist nicht verwerflich. Je nach Standort ist es natürlich nachvollziehbar, wenn man eine Douglasie oder eine Lärche pflanzt. Es gibt hier Schwarzkiefern auf den Höhenrücken, die auch die Trockenheit gut abkönnen. Ich sage mal so: Wer streut, rutscht nicht. Das wäre die Richtung, in die ich auch selbst experimentieren würde.
„Waldbau ist eine Spielwiese für Nuancen“
In der kurzen Zeit, die du diesen Wald kennst, hat sich schon viel verändert. Die Dynamik ist spürbar. Wenn man solche organischen Waldrefugien sieht: Sollte man deiner Meinung nach auch Landeswald so lange wie möglich mit naturnaher Bestockung erhalten? Oder relativ schnell in eine neue Generation überführen?
Auch hier gilt: Es kommt darauf an. Ich bin kein Mensch, der dogmatische Lösungen für das einzig Richtige erachtet. Mir geht es immer um Nuancen. Und Waldbau ist eine Spielwiese für Nuancen. Das kann in Bezug auf Baumarten, Alter, Struktur oder die Bewirtschaftungsform sein. Nicht-Bewirtschaftung, Stilllegung, Prozessschutz sind für mich genauso legitim wie sehr intensive Waldumbauten, wie man sie hier sieht. Fichte weg, Eiche – dafür muss man Mut haben. Man muss es rechtfertigen und erklären. Aber für mich ist das Mosaik ausschlaggebend. Wenn ich viele verschiedene Dinge mache, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Baustein der Richtige ist, viel höher, als wenn ich mich für nur eine Lösung entscheide und die dogmatisch über das ganze Land ausrolle.
Kann man hier vielleicht auch sehen, warum du dich für den Forstberuf entschieden hast?
Da gibt es eine rational-kognitive, akademische Ebene. Aber auch eine Gefühlsebene. Hier gibt es ganz alte Bäume, die den Klimawandel nicht kennen und trotzdem überleben. Nebendran sind Fichten, die überleben nicht. Da gibt es bei mir die wissenschaftliche Neugier, das Verstehen-wollen. Um diesen Waldort besser zu machen und das Ökosystem funktionabel zu halten, für all die Ansprüche, die wir an den Wald stellen. Wir sind hier ja nicht in einer Natur-, sondern in einer Kulturlandschaft – und der Wald soll ganz viel für uns tun. In diesem Spannungsfeld ergibt der Forstberuf für mich einfach Sinn. Das habe ich in anderen Berufen so nicht gesehen.
Viele jungen Menschen schreckt das, was die Eltern tun, eher ab und man wird allenfalls unterbewusst für deren Themen angezündet wird. Wie war das bei dir?
Das ist genau das, was bei mir passiert ist. Beide meiner Eltern sind Forstwissenschaftler/innen. Dieses Angezündet-sein, das war mir nicht bewusst. Ganz viel von dem, wie ich aufgewachsen bin, war eng mit dem Forstberuf verwoben. Aber das wusste ich nicht. Ich dachte, alle leben so. Ist doch klar, dass meine eine Karte lesen kann. Wenn wir von A nach B wollen, gehen wir quer durch den Wald. Was soll denn passieren? Oh, wir haben noch einen Pilz gefunden. Natürlich kommt das Fleisch vom befreundeten Jäger – woher denn sonst? Ich habe erst im ersten Studium gemerkt, wie anders andere Leben sein können. Da habe ich aber auch gemerkt: Das passt überhaupt nicht mit dem zusammen, wie ich leben will. Also „musste“ ich zurück zu meinen Wurzeln und bin sehr glücklich darüber. Jetzt freue ich mich darüber, wenn ich zusammen mit meiner Mutter zu Kongressen und Tagungen gehen kann.
Möchtest du uns zum Abschluss noch etwas zu diesem Ort mit auf den Weg geben?
Geht mit offenen Augen durch den Wald und die Welt. Denn dann findet man so etwas wie hier. Rechts und links ist – überspitzt gesagt – die Katastrophe sichtbar, da sind Bäume gestorben, da ist Plastik im Wald. Dann kommt aber wieder 500 Meter weiter so ein Waldrefugium. Diesen Kontrast kann man hier gut bildlich sehen.
„Ich wünsche mir, dass wir einander wieder mehr zutrauen“
Für den weiteren Teil unseres Interviews verlassen wir den Bestand und ziehen uns einige hundert Meter weiter in die Fritz-Betzel-Hütte zurück. „Diese Hütte, das ist klassisch Forst. Nach der Drückjagd quetschen sich hier 20 Kollegen und Kolleginnen rein und der Ofen ist so heiß, dass man keine Luft mehr kriegt. Aber das gehört dazu“, lacht Catharina, als wir am Holztisch in dem kleinen Raum Platz nehmen.
Von der holzvertäfelten Wand gegenüber blickt uns Forstminister Peter Hauk von historischen Wahlplakaten entgegen – Catharinas bisheriger oberster Dienstherr im Ministerium und zugleich wichtiger Fürsprecher bei der Etablierung des Landeswaldverbands. Erst am nächsten Tag sollte bekannt werden, dass Hauk nach insgesamt 15 Jahren im Amt von Marion Gentges abgelöst wird. Ein passendes Vorzeichen für den weiteren Teil des Gesprächs.
Arbeit im Querschnittsreferat: „Die Schnittstelle zwischen Politik und Fachlichkeit fand ich spannend“
Wie bist du nach dem Studium der Liberal Arts dann doch in der Forstwirtschaft gelandet?
Zum Ende des Studiums bin ich von den Life Sciences immer mehr in Richtung Earth & Environmental Sciences gegangen. Dann habe ich beschlossen, noch mal einen Bachelor und Master dranzuhängen. Meine Logik war: Wenn ich jetzt tatsächlich noch mal umsattele, dann will ich es von der Pike auf lernen. Anschließend habe ich mich sowohl bei ForstBW als auch bei der Landesforstverwaltung als Trainee beworben und landete letztendlich bei der LFV. Dadurch bin ich auch hier in den Neckar-Odenwald-Kreis gekommen.
Derzeit arbeitest du am MLR im Referat 55, das zuständig ist für Waldarbeit, Forsttechnik, technische Dienstleistungen und Forschung. Was hat dich an dieser Stelle gereizt?
Das ist immer so ein hässliches Wort, aber: Der Job, den ich jetzt mache, ist meine Erstverwendung. Mit meiner Personalerin habe ich zum Ende des Trainees darüber gesprochen, was ich machen möchte. Und ich wusste sehr schnell, dass ich gerne ins Ministerium will – weil ich das Gefühl hatte, dass alles, was auf der Fläche ankommt, dort seinen Ursprung hat. Das wollte ich mir anschauen, deshalb habe ich auch im Ministerium hospitiert. Die Schnittstelle zwischen Politik und Fachlichkeit fand ich total spannend. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, dass mir der Job dann angeboten wurde.
Das Referat 55 kümmert sich allerdings um sehr praxisbezogene Themen – das klingt nicht nach Politik.
Ich behaupte bis heute, dass es die schönste Stelle im Ministerium ist (lacht). Ich komme tatsächlich häufig raus in den Wald, bin mit der Praxis in Kontakt. Gleichzeit habe ich das Privileg, immer wieder die Flughöhe zu wechseln. Mal stehe ich am FAZ Mattenhof mit den Azubis und wir diskutieren über Schnitttechniken und Kettenwechsel. Dann kommen Anfragen aus der Politik, bei denen man abstrahieren und zusammenfassen muss. Dieses Wechselspiel macht mir einfach Spaß.
Womit beschäftigst du dich in deiner täglichen Arbeit?
Das Referat 55 ist ein Querschnitts-Referat, in dem viel für die Zukunft entschieden wird. Wir beschäftigen uns mit IT, Forschung, Waldarbeit, forsttechnische Betriebsleitung. Ich habe das Gefühl, dass wir da an die Essenz der Forstarbeit kommen. Deshalb fühle ich mich dort genau richtig. Es geht um die Frage, wer wir als Forst sind und wer wir sein wollen. Da kann man richtig Weichen stellen.
Eine Verwaltung stellt man sich eher etwas behäbig und festgefahren vor. Bekommst du auch Unterstützung für diesen Drang, etwas zu bewegen?
Ja, das Gefühl habe ich. Ich bin nicht nur bequem und mache 08/15-Verwaltung. Dafür Raum zu haben, traut man einem Ministerium stereotyp nicht unbedingt zu. Den gibt es aber sehr wohl. Für mich ist es total wertvoll, dass Michael Nill, der Leiter des Referats 55, auf diese Querschnittsthemen genauso neugierig ist.

Digitale Transformation im Forst: „Wir müssen den Mut haben, Dinge auch mal zu den Akten zu legen“
Gerade im Bereich Waldarbeit und Forsttechnik stecken enorme Potenziale in der Digitalisierung. Warum geht das nicht so voran, wie wir uns das alle wünschen?
Nur Digitalisierung ist nicht die Lösung – wir müssen das als digitale Transformation denken. Ein Prozess, der schon auf dem Papier schlecht ist, wird auch als PDF ein schlechter Prozess bleiben. Wir müssen den Mut haben, Dinge auch mal zu den Akten zu legen – sie nicht mehr zu tun. Das bedeutet nicht, dass die Abläufe nicht in der Vergangenheit sachdienlich waren, aber sie passen nicht mehr in die heutige Zeit. Nur „Digitalisierung“ ist deshalb zu kurz gegriffen. Und es ist nichts, was man mal nebenher macht. Wir brauchen Spezialistinnen und Spezialisten, die sich Prozesse anschauen und fragen: Warum machst du das eigentlich, was ist das Ziel dahinter? Das sind große Fragen, die Forstleute nicht einfach nebenher erledigen können.
Die Frage der Digitalisierung kam auch schon in Bezug auf die forstliche Förderung auf. Wie schafft man es, dass die Umstellung nicht nur im Referat, sondern im ganzen Haus angegangen wird?
Da geht es um Ressourcen, also ganz einfach Geld. Klingt platt, aber das ist es am Ende. Wenn jemand etwas nicht nur nebenher machen soll, sondern als eigene Aufgabe, muss ich jemanden dafür freistellen oder die Leistung einkaufen. Das sind die zwei Möglichkeiten. Dafür haben wir aber in der Verwaltung keine Tradition. Und natürlich ist aktuell ein ungünstiger Zeitpunkt dafür, weil die Kassen knapp werden.
Du hast angesprochen, dass wir gerade in der Verwaltung auch mal eingeübte Prozesse beerdigen müssen. Hast du das Gefühl, dass es die Bereitschaft dafür gibt?
Ja, dafür braucht man eine Art Trauerkultur. Kollegen haben in diese Prozesse teilweise ihr ganzes Berufsleben gesteckt. Die Abläufe waren über viele Jahrzehnte richtig gut, andere Bundesländer haben uns darum beneidet. Aber das Mindesthaltbarkeitsdatum ist abgelaufen. Mit diesen Erkenntnissen können wir noch nicht gut umgehen. Dafür brauchen wir Ressourcen.
Du hast vorhin Geld als notwendige Ressource angesprochen. Im Grün-Schwarzen Koalitionsvertrag wird als große Klammer betont, dass die Kassen knapp sind und alle Vorhaben unter Finanzierungsvorbehalt stehen. Wie steht es da um deine Zuversicht, dass solche Reformen umgesetzt werden können?
Wenn man von Ressourcen spricht, gehört Geld natürlich dazu. Aber es kann sein, dass wir Forstleute damit leben müssen, bestimmte Dinge nicht mehr zu tun, weil andere Dinge wichtiger sind. Wir müssen lernen, zu priorisieren. Das ist ein Thema, das ich auch gesamtgesellschaftlich sehe, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Mitteleuropa. Wir haben sehr hohe Standards und sind es gewohnt, dass alles immer noch besser wird. Doch wir müssen uns fragen: Wie lange kann Wachstum eigentlich gesund sein? Was sind unsere Kernaufgaben und was sind unsere verfügbaren Ressourcen? Wenn das nicht übereinander passt, muss ich Dinge weglassen – oder sie effizienter gestalten.
Klingt nach einem weiteren großen Umbruch. Wie kann das gelingen?
Das ist mit Sicherheit nicht einfach. Um zu priorisieren, brauchen wir Mut. Ich bin sicher, dass wir das als Verwaltung hinkriegen. Doch dafür müssen wir “dazwischen” denken dürfen, Nuancen nutzen, Dinge miteinander verquicken – auch wenn wir das früher nicht so gemacht haben. Deshalb wird es nun unsere Aufgabe, die Veränderungen auch mit begrenzten Ressourcen trotzdem anzugehen. Es wird herausfordernd, aber ich finde es nicht hoffnungslos.
Mehr Geld zu fordern ist also keine Lösung für die Zukunft?
Der Impuls ist ja nicht falsch. Dazu gibt es Erfahrungswissen, das zu einer bestimmten Zeit gepasst hat. Aber die Rahmenbedingungen ändern sich stark. Klimawandel, Wirtschaftskrisen, Generationenumbrüche im Forstdienst: Das sind gewaltige Herausforderungen. Es ist nur logisch, dass unser Erfahrungswissen darauf nicht mehr passt. Vielleicht bedeutet „neu denken“ deshalb nur, dass man sich fragt, wo man hinwill und dann viele kleine Schritte unternimmt. Nur eben nicht auf ausgetretenen Wegen.

Zwischen Generationswechsel & Forstreform: „Ich wünsche mir, dass wir Verletzungen und Vorbehalte bei Seite legen können“
Im Forst scheiden langsam die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Beruf aus. Hilft der Generationenwechsel, den Umbruch zu bewältigen oder hast du auch Sorge, dass dadurch viel verloren geht?
Für mich überwiegen Neugier und Zuversicht, dass gut ausgebildete junge Menschen Verantwortung übernehmen wollen. Deshalb glaube ich, dass in Summe nicht mehr Knowhow aus dem Beruf ausscheidet, als neu nachkommt. Trotzdem ist Erfahrungswissen nicht per se falsch, im Gegenteil. Aber man muss es auf neue Gegebenheiten anwenden. Es ist hilfreich, wenn jemand mit Erfahrung sagen kann: Diese Lösung habe ich schon mal so probiert, hat aus den folgenden Gründen nicht geklappt. Dann kann ich mir die Energie, die Ressource dafür sparen. Die Frage ist deshalb, wie wir den Wissenstransfer trotz des Generationenumbruchs hinbekommen.
Hast du Ideen, wie das gelingen könnte?
Das ist ein Grund, warum ich im Forstverein bin. Bei uns geht es um den Dialog, das Netzwerken, miteinander zu sprechen. In der Verwaltung ist es ja schon so: Du bist bis zum 31. auf deiner Dienststelle und dein Nachfolger kommt am 1. Wenn ich aber Netzwerke haben, wenn wir uns unabhängig von den jeweiligen Stellen untereinander kennen, gemeinsam auf Exkursionen und Tagungen sind, sprechen wir jenseits der rein dienstlichen Zeiten und Abläufe miteinander. Mit ehrenamtlichen Tätigkeiten und persönlichen Kontakten können wir so im Generationenumbruch einiges abfangen.
Angesichts der Herausforderungen wirkst du sehr zuversichtlich. Welche Rollen spielt Vertrauen für dich?
Es gibt einerseits das Vertrauen in andere, dass jemand seine Sache gut machen wird. Das ist ein Bonus. Andererseits gibt es das Vertrauen in sich selbst. Das ist, was Psychologinnen und Psychologen Urvertrauen nennen. Ich habe das Glück, dass ich das habe. Ich bin davon überzeugt, dass ich Selbstwirksamkeit habe. Deshalb sehe ich es als meine Aufgabe, auch anderen etwas davon mitzugeben.
Kannst du festmachen, woher du diesen Charakterzug hast?
Tiefenpsychologisch wahrscheinlich durch die Erziehung meiner Eltern. Vielleicht hatte ich in gewissem Maße Glück, dass sie mir das mitgegeben haben, was ich anschließend in der Schule durch Lernen als Erfolge verbuchen konnte. Ich habe viele kleine positive Erfahrungen gemacht, durch die ich Vertrauen gelernt habe. Ich habe viel von diesem Grundvertrauen, deshalb fällt es mir leicht, davon etwas weiterzugeben.
Wenn du für dein Arbeitsfeld bei der Landesregierung einen Wunsch zur Realisierung frei hättest, was wäre das?
Da wir davon gesprochen haben: Vertrauen und Zutrauen. Was die Arbeit im MLR prägt, ist die letzte Reform, ein „Die und Wir“. Wir sind jetzt nicht mehr eine Verwaltung. Und ich merke hier und da, dass es nicht am Fachlichen hapert, sondern jeweils das Vertrauen in die andere Organisation fehlt. Ich wünsche mir, dass wir bei Seite legen können, was aktuell noch an Verletzungen und Vorbehalten da ist. Weil ich feststelle, dass es die Fachlichkeit klein macht und es ganz viel um Emotionen geht. Försterinnen und Förster sind so involviert, weil sie aus tiefem Herzen mit ihrem Tun verbunden sind. Ich finde es fast schon beängstigend, wenn die dienstliche Tätigkeit so nah an den Menschen geht – und gleichzeitig zeichnet uns dieses Herzblut für die Sache als Branche aus.

Deshalb würde ich mir wünschen, dass wir wieder darauf vertrauen, dass die anderen ihren Job gut machen und sie im Gegenzug in uns vertrauen. Denn ich glaube, dass dann die Reibungsverluste kleiner werden. Dann hätten wir mehr Ressourcen für all die anderen Themen frei. Das Vertrauen könnte die Landesregierung, das könnten die Forstpolitischen Sprecherinnen und Sprecher, in Anerkennung, Lob, Wertschätzung, Geld ausdrücken – über alle Organisations- und Hierarchiegrenzen hinweg.
Als Präsidentin des Forstvereins Baden-Württemberg: „Ich möchte die Vernetzung der Forstleute untereinander fördern“
Seit Mai 2025 bist du Präsidentin des Forstvereins Baden-Württemberg. Wie kam es dazu, dass du dieses Ehrenamt ergriffen hast?
Ich dachte mir: Es ist immer einfach, anderen die Schuld dafür zu geben, wenn etwas nicht so läuft, wie man es sich vorstellt. Gerade in Bezug auf die Umbrüche, über die wir gesprochen haben. Das liegt mir nicht – ich möchte selbst Verantwortung übernehmen. Dafür was ist und was sein wird. Das sinnstiftende Tun, das den Forstberuf für mich ausmacht, möchte ich erhalten. Ich beziehe das aber nicht auf meine Person, sondern auf das gesamte Netzwerk, von dem ich nur ein kleiner Teil bin. Für mich fühlt sich die Position als Präsidentin auch nicht als „herausgehoben“ an. Es war einfach die logische Fortführung der Gedanken, über die wir ja im Laufe des Gesprächs schon gesprochen haben.
Wie bist du ursprünglich zum Forstverein gekommen?
Ich kam im ersten Herbst meines Forstbachelorstudiums mit dem Jungen Netzwerk Forst in Kontakt. Schon im Studium habe Sinn darin gesehen, mich dort zu organisieren. So habe ich im JNF schnell verschiedene Positionen als Sprecherin übernommen – erst für die Uni Freiburg, dann für Baden-Württemberg, schließlich für ganz Deutschland. Dadurch wurde ich 2017 Mitglied im Forstverein.
Was ist dir am Forstverein besonders wichtig? Wie sollte er sich in Zukunft aufstellen?
Wichtig ist für mich das schon angesprochene Vertrauen und Zutrauen der Forstleute untereinander zu fördern. Das geht am besten durch Dialoge und Netzwerken, um andere Menschen und ihre Ansichten und Perspektiven kennenzulernen. Dafür brauche ich einen Resonanzraum, dafür muss man rausgehen. Der Forstverein bietet dafür eine Plattform. Und das Netzwerk lebt davon, dass dieser Austausch organisch stattfindet.
Ein Plädoyer für Vielfalt: „Diversität ist der Schlüssel, das wissen wir im Wald doch am besten“
Dass eine junge Frau das höchste Amt in einer altehrwürdigen Organisation wie dem Forstverein bekleidet, ist immer noch nicht die Regel. Auch wir als Landeswaldverband haben schon öfter die Klagen gehört, dass auf den Gruppenfotos unserer Vorstände nur ältere Männer zu sehen seien.
Ich bin sicherlich auch eine der Personen, die das moniert hat. Diversität sieht natürlich anders aus. Der einzelne „alte, weiße Mann“, um den Begriff mal aufzugreifen, kann natürlich nichts für das Gesamtbild. Trotzdem ist es eine Frage der Repräsentation. Sichtweisen, Lebensweisen, Erfahrungen, die nicht präsentiert sind. Aber ich kann natürlich nicht erwarten, dass ein älterer Förster die Perspektive einer jungen Frau vertritt, die in den Neunzigern geboren wurde.

Wenn ich also will, dass diese Perspektive stattfindet, muss ich mich selbst darum kümmern. Deshalb freue ich mich, wenn diesen Wunsch jemand unterstützt und sagt: So jemanden wie dich haben wir noch nicht, dich brauchen wir. Deshalb hat mich das Vertrauen von meinem Vorgänger Artur Petkau besonders gefreut – der ja selbst sehr viel in diesem Amt bewirkt und den Generationenwechsel im Vorstand aktiv forciert hat.
Also ist Diversität im Forst ein Thema, das wir alle stärker in den Blick nehmen müssen?
Wir brauchen ja nicht nur mehr Frauen, sondern auch Menschen aus anderen Kulturkreisen, mit anderen Herkünften. Nicht nur im ethnischen Sinne, auch aus anderen Branchen. Deshalb bin ich froh, dass wir darüber sprechen. Denn ich weiß, wie schwierig es ist, als Frau keine Vorbilder zu haben. Ich bin froh, dass ich das Privileg habe, diese Position wahrzunehmen und anderen, die nach mir kommen, zu zeigen, dass sie das auch können.
Ein wichtiges Anliegen der Teilnehmenden unseres Waldpolitischen Freitags zum Thema „Zukunft der Forstberufe“ war ebenfalls, dass die Branche diverser werden muss. Allein schon, damit wir die Zukunft besser meistern können. Wie kann man Menschen, die bisher noch nicht repräsentiert sind, dazu ermuntern, sich noch mehr einzubringen?
Man muss sie mit offenen Armen aufnehmen. Und zwar auch wenn es für die eigene Wahrheit unbequem ist. Wir haben vorhin vom „alten, weißen Mann“ gesprochen. Das Prädikat „weiß“ trifft aber auch auf mich zu. Deshalb ist es natürlich für mich unbequem, mich mit meinem „White Privilege“ zu konfrontieren. Für dieses Privileg kann ich nichts, das ist nun mal so. Aber wie ich damit umgehe und die Schilderung einer Person mit einer anderen Hautfarbe ernsthaft wahrnehme, beispielsweise dass sich bestimmte Dinge für sie anders anfühlen. Das ist der entscheidende Punkt: Für andere Menschen, andere Perspektiven offen zu sein und sie wertzuschätzen.
Erlebst du diese Art von Offenheit aktuell schon?
Ich nehme das ganz konkret in meiner Verwaltungstätigkeit wahr. Wenn meine Kolleginnen und Kollegen und meine Vorgesetzten nicht dafür offen wären, dass ich “unbequeme” Fragen stelle, hörte meine Privilegiertheit ganz schnell auf. Deshalb brauchen Menschen, die jetzt noch unter dem Label „divers“ verstanden werden, Alliierte aus den Lagern der privilegierten Positionen. Wir müssen Sicherheitsräume dafür schaffen. Das alles hängt also nicht nur an Geschlechterrollen, sondern an so viel Nuancen mehr.
Müssen wir dafür im Forst auch mehr Toleranz lernen?
Toleranz bedeutet im Endeffekt, die Ressourcen größer zu machen. Wenn ich aus dem, was schon da ist, neue Potenziale schöpfe, habe ich am Ende mehr. Ohne dass ich dafür mehr Geld oder mehr Personal brauche. Diversität ist deshalb ein Schlüssel. Das wissen wir doch im Wald am besten. Wie anfangs schon gesagt: Wer streut, rutscht nicht.

Der Forstverein im Umbruch: „Wir haben festgestellt, dass uns Forstwirtinnen und Forstwirte fehlen“
Ebenfalls mit dir neu in den Vorstand des Forstvereins gewählt wurden Cristina Ganter und Konstantin von Gemmingen – auch zwei Menschen aus der jüngeren Generation. Habt ihr so etwas wie eine Vision für eure Arbeit?
Ich habe eigentlich gar keine hochtrabende, sinnstiftende Vision. Den Umbruch gut gestalten, Dialoge führen, das wäre die Überschrift. Artur Petkau, der vorher Präsident des Forstvereins war, ist weiterhin im Vorstand. Mit uns drei Neuen gibt es ja schon einen offensichtlichen Umbruch, den sieht man allein schon auf Fotos. Die Herausforderung ist nun, die bisherigen Mitglieder nicht zu verlieren. Wir müssen auch auf ihre Bedürfnisse hören.
Was sind das für Bedürfnisse, die die Mitglieder an euch herantragen?
In Bezug auf Exkursionen kam zum Beispiel die Frage auf: Wie lang wird der Weg, wie anstrengend wird es? Darüber mache ich mir als junger Mensch im ersten Moment keine Gedanken, aber das ist wahnsinnig wichtig. Unsere Vereinsmitglieder sind im Durchschnitt 30 Jahre älter als wir selbst. Deshalb müssen wir über so etwas reden und den Input erstnehmen.
Siehst du auch in anderen Verbänden, dass der Nachwuchs so aktiv in die Führungsebene eingebunden wird?
Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt mit Sicherheit einige Organisationen, denen der Nachwuchs schlicht und einfach fehlt. Andere erleben einen ähnlichen Umbruch wie wir. Ich bin beispielsweise im Kuratorium für Waldarbeit und Forsttechnik (KWF e.V.) tätig, wo ich mit einem Kollegen in meinem Alter im Austausch war. Im Gespräch hat sich herausgestellt, dass er ebenfalls Präsident in einem Forstverein ist, nämlich in Sachsen-Anhalt. Tobias Strassner hat mir erzählt, dass sie bei sich auch einen starken Wechsel der Generationen erleben. Und er macht sich natürlich dieselben Gedanken wie wir: Wie kann man altgediente Mitglieder integrieren und gleichzeitig aus dem Jungen Netzwerk Forst wieder Nachwuchs in den Verein ziehen?
Der Forstverein war ja lange Zeit eine Organisation, in der sich eher der höhere Dienst versammelt hat. Die klassischen Revierleiterinnen auf der Fläche waren hingegen eher nicht vertreten. Ist das auch ein Thema, in Sachen Hierarchieebene diverser zu werden?
Absolut, das fing schon im Jungen Netzwerk Forst an. Im Studium ist man zwar noch nicht ganz auf eine bestimmte Laufbahn fixiert. Aber wir haben festgestellt, dass uns die Forstwirtinnen und Forstwirte fehlen. Das können wir nicht von innen heraus als Schalter umlegen. Aber wir können überlegen, wie wir auf unsere Kolleginnen und Kollegen zugehen. Sehen wir uns als der Verein für den höheren Dienst und reden von oben herab? Oder sprechen wir die Leute an und sagen: Hey, du hast spannende Sachen in deinem Revier – erklärst du uns die? Das ist eine ganz andere Ansprache, dadurch öffnen wir das Netzwerk.

Deshalb hoffe ich, dass wir als Verein so offen und interessant sind, dass es sich auf für Forstwirtinnen und Forstwirte, für Forstdienstleisterinnen und Forstdienstleister und für alle anderen einfach lohnt, zu uns zu kommen.
Müssen wir die Möglichkeiten zur Organisation in einem Verein wie eurem für alle Laufbahnen verbessern?
Das ist meine tiefe Überzeugung, ja. Privilegien wie eine Freistellung für die Verbandsarbeit, das ist schon sehr mit dem Dienstlichen verwoben. Deshalb habe ich mich ja auch für den höheren Dienst entschieden, weil ich dadurch mehr Freiheiten in meinen Entscheidungen bekomme. Diese Freiheiten, dieses Vertrauen, die ich beispielsweise von unserem Forstpräsidenten Martin Strittmatter bekomme, kann ich über den Forstverein weitergeben. Und das strahlt hoffentlich auf alle Laufbahnen ab. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, sondern in vielen kleinen Schritten. Diese Veränderung kann ich nicht allein herbeiführen, das müssen wir als gesamtes Netzwerk tun.
Vereinbarkeit von Familie & Beruf: „Kolleginnen werden gefragt, wo die Kinder sind – Kollegen nicht“
Wir haben ja bereits über Frauen im Forstberuf gesprochen. Wie beurteilst du die Vereinbarkeit von Familie und Beruf aktuell?
Mit dem Frausein geht im Beruf natürlich immer die Frage einher: Willst du Kinder? Das geht Männer selbstverständlich genauso an, aber als Frau hast du durch die Mutterschaft immer einen Knick in der Erwerbsbiografie. Man hat mindestens den gesetzlichen Mutterschutz, meist gibt es darüber hinaus eine weitere Zeit, in der man aus dem Beruf raus ist. Diesbezüglich würde ich mir mehr Vorbilder wünschen, von Frauen, die es geschafft haben, einen guten Weg für sich zu finden. Die gibt es bereits, aber auch kenne auch viele Frauen aus den Generationen vor mir, die nicht glücklich mit den Grundvoraussetzungen waren und sind.
Was muss sich tun, damit sich diese Grundvoraussetzungen verbessern?
Ich hoffe wieder auf die Alliierte, Männer wie Frauen, die sagen: Es macht nichts aus, dass du ein Jahr aus dem Beruf heraus warst und jetzt wieder in Teilzeit zurückkommst. Oder die, die den Männern klarmachen, dass es auch für sie normal ist, als Vater in Teilzeit zu gehen und neben dem Erwerb auch Care Arbeit zu leisten. Da sprechen wir über Rollenerwartungen und auch Bewertungen der Arbeit. Ist die Erwerbsarbeit in 30, 50 oder 70 Prozent gleich viel wert wie in 100 Prozent? Meine Antwort wäre: aber natürlich. Damit das von allen anerkannt wird, sind wir auf Alliierte angewiesen.
Man sollte es also nicht nur mit sich selbst ausmachen müssen.
In meinem Fall glaube ich, dass mich das Ehrenamt gut auffängt. Aber vielleicht ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch ein innerer Zielkonflikt, den man nie ganz für sich klären kann. Wir gehen ja immer davon aus, dass man Herausforderungen löst. Aber vielleicht muss man sich damit abfinden, dass das erst mal nicht komplett geht. Auf unseren Herbstdiensttagungen werden die Kolleginnen gefragt, wo ihre Kinder sind, obwohl auch Kollegen dabei sind, die ebenfalls Kinder haben. So funktionieren unsere Rollenbilder aktuell eben einfach noch. Ich sehe aber auch hier kleine Schritte hin zu einem moderneren Familienbild.
Wie können wir diese Rollenbilder deiner Meinung nach überwinden?
Man darf nicht nachlassen. Bei unserer letzten Forstvereinstagung haben Kinderbetreuung abgefragt – die wurde nicht angenommen, die Zeit war also noch nicht reif. Aber wir machen das wieder. Und irgendwann wird es so kommen, dass jemand die Kinderbetreuung in Anspruch nimmt. Deshalb ist es doch gut, dass ich in der Position bin, wo ich diese Ideen einbringen kann. Und genau das war es ja, warum ich mich engagiere: wenn ich etwas voranbringen will, muss ich mich selbst einbringen.
Blick in die Zukunft: „Ich wünsche mir, dass Forstleute als Fürsprecher für das langsame Ökosystem gehört werden“
Bei unserem Waldpolitischen Freitag im Dezember 2025 forderte Landesforstpräsident Martin Strittmatter in der Schlussrunde: „Lieber mal was wagen und scheitern, als aus Angst nichts zu wagen.“ Hast du das Gefühl, dass der Forst als Branche bereit dafür ist?
Den Gedanken finde ich sehr spannend. Wir haben eigentlich keine gute Fehlerkultur, nicht nur wir als Forst oder als Verwaltung, sondern insgesamt als Gesellschaft. Ich weiß auch nicht, ob ich das selbst immer so hinkriege, weil ich sehr selbstkritisch bin und mich über eigene Fehler ärgere. Deshalb finde ich es umso wichtiger, dass wir dieses Aus-Fehlern-lernen auch in der Verwaltung, in Vereinen und Verbänden etablieren. Übrigens: “Fehler” anders buchstabiert ist “Helfer”.
Hierarchien spielen im Forst seit jeher eine große Rolle. Ist das ein Hindernis auf dem Weg zu einer neuen Kultur der Offenheit?
Am Ende muss immer jemand Verantwortung übernehmen, also tatsächlich in der Verantwortung stehen. Die Forderung nach flachen Hierarchien steht dazu im Widerspruch. Das ist ein Spannungsfeld, das wir miteinander abwägen müssen. Irgendjemand muss auch Führungsanspruch haben, für all die, die einen Anspruch an sich und ihre Arbeit haben. Sonst kann man auch niemand ehrlich und ernsthaft sagen: Ich sehe, was du leistest. Unsere Arbeit ist kein Selbstzweck, sondern trägt zu übergeordneten Zielen bei. Ohne fachliche Expertise und Leistung treten wir auf der Stelle. Kurz: Hierarchie, Führung und Führungsverantwortung haben letztendlich vor allem etwas mit Wertschätzung zu tun.
Hast du für dich selbst schon Ideen, wohin du dich beruflich entwickeln willst?
Ganz spannende Frage. Im Forst und der Verwaltung allgemein haben wir ja oft die “Verschickung”, dadurch sammelt man viele verschiedene Eindrücke, auch wenn es erst mal privat unbequem ist. Bei mir ging es einmal quer durchs Land, von Freiburg nach Adelsheim. Ich habe hier aber ganz viel gelernt, tolle Menschen kennengelernt und will es nicht missen. Auch auf der Arbeitsebene des Ministeriums in Stuttgart habe ich wieder viele neue Eindrücke kennengelernt.

Und ich hoffe, dass ich Neues-lernen beibehalten kann, egal in welcher Position ich bin. Deshalb ist es auch schwierig, konkret zu beantworten. Ich weiß ja gar nicht, was es alles gibt. Wie soll ich mir mit diesem lückenhaften Wissen eine Vision von mir selbst in zehn Jahren vorstellen? Ich bleibe also neugierig und offen für Optionen. Auch, weil ich Freude darin habe, mich in neue Positionen einzudenken.
Gibt es bestimmte Erfahrungen in deiner bisherigen Laufbahn, die dich besonders geprägt haben?
Ich merke, dass ich das Umfeld einer Unteren Forstbehörde, mit der Arbeit in einem eingeschworenen Team und dem Bezug zu einer gewissen Fläche auch irgendwie vermisse. Obwohl ich das, was ich aktuell tue, sehr genieße. Deshalb kann ich mir gut vorstellen, irgendwann wieder in einer Unteren Forstbehörde oder an einem Forstbezirk zu arbeiten -oder wieder interdisziplinär zu arbeiten und zum Beispiel in einem Naturpark zu landen. Aber ich glaube gleichzeitig nicht, dass eines davon dann der letzte Dienstposten für mich ist.
Wir haben jetzt viel über die Zukunft, Modernisierung und Digitalisierung gesprochen. Gibt es auch eine althergebrachte Tradition im Forst, die dir richtig gefällt?
Bei aller Modernisierung, allem Umbruch: Diese forstliche Familie finde ich total erhaltenswert. Und wo wir gerade hier sitzen: einfache Hütten zu genießen. Das ist für mich auch Forst pur: Ein bisschen Holz an der Wand und im Kamin, man hört die Vögel draußen zwitschern, mehr brauchen wir nicht. Auch nach der Jagd an so einem Ort zusammenzusitzen, das möchte ich nicht missen.

Was ist dein wichtigster Wunsch für den Wald?
Als wir vorhin in dem kleinen Waldstück standen, habe ich gesagt: Wir sind in einer Kulturlandschaft, nicht in der Natur. Wir als Gesellschaft haben Erwartungen an das Waldökosystem, was ich auch vollkommen in Ordnung finde. Aber die Prozesse, der Umbau im Wald, das geht langsam vonstatten. Und ich wünsche mir, dass wir als Forstleute als Fürsprecher für dieses langsame Ökosystem gehört werden. Für Biodiversität, für den Rohstoff Holz, für Wasser, für Sauerstoff, für Erholung. Für den Wald wünsche ich mir, dass diese geniale Multifunktionalität erhalten bleibt.
Dank an die Revierleiterin Lea Moos (Revier Buch am Ahorn, Forstbezirk Odenwald), dass wir im Distrikt Bronnacker zu Besuch für das Interview sein durften!